Yann Marot – Visualisierung von Emotion

Künstlerporträt

Traditionelles Handwerk, die Herstellung von Gebrauchsgegenständen, die Möglichkeit, kreativ zu arbeiten und zu gestalten; diese Aspekte des Drechselns machen für Yann Marot die Vielfalt dieses Handwerks aus. Der französische Holzkünstler ist dankbar, dass er bereits mit 25 Jahren genau wusste, dass er Drechsler werden wollte. Nach seinem Ingenieurstudium für Holztechnik trat er eine Stelle in einer Zimmerei an. Die ersten Tage verbrachte er auf Baustellen, hatte aktiv mit dem Material zu tun. Doch nach kurzer Zeit fand er sich im Ingenieurbüro vor dem Bildschirm wieder, um Baupläne zu erstellen. Ihm wurde klar, dass er nicht lange ohne die praktische Arbeit durchhalten würde. Bereits nach 15 Tagen in Anstellung kündigte er und entschied sich für eine Laufbahn als Drechsler. „Diese Entscheidung in finanzieller Hinsicht zu treffen, war in den folgenden Jahren nicht leicht, aber ich bin ein hartnäckiger Mensch.“, gesteht Marot. Er setzte alles daran, sich ein breit gefächertes Wissen anzueignen und die Drechselkunst von Grund auf zu lernen.
Auf das Drechseln an sich wurde er von seinem Bildhauereilehrer aufmerksam gemacht. Marot erkannte sofort das Potenzial dieses Handwerks und begann, diese Disziplin zu studieren, Bücher von Richard Raffan zu verschlingen, sich mit Fachleuten zu treffen und baute sich aus einem Waschmaschinenmotor seine erste Drechselbank – eine Vorrichtung, von der er heute jedoch dringend abraten würde. Marot belegte Abendkurse und absolvierte unzählige Praktika. Durch die AFTAB (Französischer Verband zur Förderung des künstlerischen Drechselns) eröffnete sich ihm die Möglichkeit, professionelle Drechsler kennenzulernen. „Drei Jahre lang bin ich in Frankreich mit meinem Renault 4L von Werkstatt zu Werkstatt gereist und habe viel gelernt.“ Luc Caquineau, ein traditioneller Drechsler, vermittelte Marot die Grundlagen des klassischen Stils. Er sog alles in sich auf, denn er wollte sich ein solides Basiswissen aneignen. „Bei all diesen Treffen und Begegnungen habe ich an meiner Technik gearbeitet und die kreativen Möglichkeiten des Drechselns kennengelernt. Ich bin dankbar für den grenzenlosen Austausch, den ich genossen habe. Nirgendwo wurde etwas vor mir verborgen.“, erinnert Marot sich zurück. Dies ist ein Aspekt unter Drechslern, den er auch heute noch besonders schätzt. Es herrscht stets ein offenes Miteinander und man ist gewillt, einander an den erarbeiteten Erkenntnissen teilhaben zu lassen. Auf seiner weiteren Reise begegnete er auch Jean-François Escoulen, der Marots Schaffen in vielerlei Hinsicht geprägt hat. Der junge Franzose blieb für längere Zeit in Escoulens Werkstatt, lernte durch ihn zahlreiche renommierte Drechsler aus der ganzen Welt kennen und unterrichtet heute an der von Escoulen gegründeten Schule für Drechslerei in Aigiunes in der Provence.
2002 gründet Yann Marot seine eigene Werkstatt. Rund 20 Jahre später ist die Leidenschaft noch immer ungebrochen, doch auch heute hat Marot nicht das Gefühl, dass seine Ausbildung abgeschlossen ist.

Sein Arbeitsalltag ist ein Zusammenspiel von Lernen, Lehren, der Bearbeitung von Produktionsaufträgen sowie die der künstlerischen Auslebung seines Gestaltungswillens. Bereits seit 2003 lehrt er an verschiedenen Institutionen das Drechseln. Die Weitergabe seines Wissens ist für ihn ein wichtiger Aspekt seiner Arbeit. 2014 zieht er in die Provence, um in Teilzeit einer Lehrstelle an der École Escoulen nachzugehen. Die Schule wurde 2012 gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, das kulturelle Erbe des Drechslerhandwerks zu erhalten und Wissen an Hobbyisten und Profis weiterzugeben. Rund zwanzig Wochen im Jahr unterrichtet Marot. Die Hälfte des Jahres lehrt er in kurzen, einwöchigen Themenkursen, zumeist für Fortgeschrittene. In der anderen Jahreshälfte findet ein 20-wöchiger Ausbildungskurs statt, der von neun Ausbildern, allesamt professionelle Drechsler, betreut wird. „Sieben Auszubildende nehmen daran teil, und wir bilden sie im Drechslerhandwerk aus, fünf Monate lang wird fleißig geübt. Es ist ein intensiver, spannender Kurs, weil wir wirklich in die Materie einsteigen. Wir bringen professionelle Drechsler hervor, und das macht mich sehr stolz.“, erzählt Marot.

Sie möchten weiterlesen? Im DrechslerMagazin Ausgabe 62 finden Sie den vollständigen Artikel.

X