PRAXIS

Mutter und Kind

Projekt von Terry Martin und Zina Burloiu

In den ersten Jahren nach der europäischen Besiedlung Australiens wurde die Rotzeder (Toona australis) als so wertvoll erachtet, dass in vielen Regionen an der Ostküste die Erkundung neuer Landstriche von Holzfällern vorangetrieben wurde, die für die Herstellung hochwertiger Möbel in Europa Holz schlugen. Die Rotzeder, die sogar im mit prächtigen Hölzern gesegneten Australien einen besonderen Kultstatus hat, wächst niemals in dichten Beständen; die vereinzelten Bäume stehen weit voneinander entfernt, immer dort, wo der Wind einen Samen auf fruchtbaren Boden getragen hat. Die Rotzeder hat nämlich einen Todfeind – die Zedernspitzenmotte – und dichte Baumgruppen würden lediglich noch mehr Motten anziehen. Einst wurde das Holz der Rotzeder zuweilen als „rotes Gold“ bezeichnet, weil das Auffinden und Fällen der Bäume mit der Suche nach Gold zu vergleichen war. Nun sind die uralten Rotzedern alle verschwunden, und die wenigen jüngeren Bäume stehen entweder unter Schutz, oder eine wirtschaftliche Nutzung zahlt sich nicht aus. Doch auch Rotzedernholz von geringerer Qualität, das von Zeit zu Zeit erhältlich ist, kann Preise von mehr als 7000 Euro pro Kubikmeter erzielen.
Hin und wieder gelange ich an Rotzedernholz, das aber mit den mir bekannten Museumsstücken nicht zu vergleichen ist. Ich war sicher, dass es mir nie vergönnt sein würde, mit echtem „rotem Gold“ zu arbeiten. Doch das Leben steckt voller Überraschungen! Diese Geschichte beginnt Anfang 2018 mit einem Besuch bei meinem wichtigsten Holzlieferanten Trevor, der auch ein guter Freund ist. „Terry“, sagte Trevor zu mir, „ich habe da etwas Besonderes für dich.“ Er führte mich zu einem seiner Lagerschuppen und öffnete die Tür. Der unverwechselbare Duft von frisch geschnittenem Rotzedernholz wehte mir entgegen, und vor mir sah ich übereinandergestapelte Lagen von herrlichem tiefrotem Holz. Trevor erzählte mir die Vorgeschichte: In den 1960er-Jahren wurde in einem Tal in North Queensland an der Ostküste Australiens ein Wasserreservoir für eine nahe gelegene Stadt angelegt. Bevor das Tal geflutet wurde, fällten die dort ansässigen Holzfäller alle wertvollen Bäume, die sonst im Wasser versunken wären. Darunter waren mehrere alte Rotzedern. Derartige Bäume wurden bis zu sechzig Meter hoch und der Stammdurchmesser betrug mehrere Meter. Somit begnügten sich die Holzfäller damit, die Stämme abzusägen und die Stümpfe mitsamt den massiven, ausladenden Brettwurzeln zurückzulassen, da diese zu schwer zu transportieren gewesen wären. Wie Trevor weiter berichtete, zersägte ein Holzschnitzer aus der Gegend die Stümpfe und lagerte das Holz bei sich zu Hause ein. „Er ist vor kurzem verstorben“, fuhr Trevor fort, „und seine Frau hat mir seinen ganzen Holzvorrat verkauft. Als ich dieses Holz zu sehen bekam, musste ich sofort an dich denken. Möchtest du einen Teil davon?“ – „Einen Teil?“, rief ich. „Nein, alles!“ Ich bekam so viel Holz, dass ich jahrelang damit auskommen werde, und ich bin Trevor ewig dankbar, dass er mir dazu verholfen hat.
Der Zeitpunkt passte perfekt: Bald darauf kam Zina Burloiu, mit der ich regelmäßig zusammenarbeite, aus ihrer Heimat Rumänien nach Australien gereist, da wir gemeinsam an den Exponaten für unsere große Ausstellung Shadow and Light im Herbst 2018 arbeiten wollten, die in der Bungendore Wood Works Gallery stattfinden sollte. Nach Zinas Ankunft wurden wir uns sofort einig, das Rotzedernholz für ein ganz besonderes, kreatives Statement zu verwenden, das alle unsere bisherigen Arbeiten übertreffen sollte. Wie gewohnt, tauschten wir unsere Ideen aus und hatten uns bald für eine große Schale mit einem nach außen abfallenden Rand entschieden, die Zinas Schnitzkunst bestmöglich zur Geltung bringen sollte. Für mich war es somit Zeit, mit dem Drechseln zu beginnen …

 

 

Zina und ich suchten das beste Stück Holz aus meinem Vorrat aus. Nach dem Abrichten hatte der Rohling einen Durchmesser von 41 cm und war 16 cm dick (Bild 1). Damit war er sogar groß genug, um aus seiner Mitte einen Kern auszuschneiden und diesen für eine zweite Arbeit zu verwenden – das wertvolle Holz durfte nicht verschwendet werden!
Ich hatte schon Tausende Schalen gedrechselt – aber dieses Mal ging ich anders vor als je zuvor: Normalerweise hätte ich zuerst die Grundfläche und die Unterseite der Schale gedrechselt – mit einem Zapfen, um das Werkstück in ein Spannfutter aufnehmen zu können. Bei dieser Schale waren jedoch die Form und die Proportionen des Randes wichtiger als alles andere – daher entschloss ich mich, den Rand als Erstes auszuarbeiten (Bild 2). Er sollte Zina eine ideale Arbeitsfläche bieten, auf der sie dem ganzen Zauber ihrer Schnitzkunst freien Lauf lassen konnte. Doch würde der Rand zu breit ausfallen, träte die Schale zu sehr in den Hintergrund, geriete er jedoch zu schmal, ginge der gewünschte Effekt verloren. Da wir ein spiralförmiges Muster besprochen hatten, das eine gewisse Breite erforderte, fertigte Zina sicherheitshalber eine Entwurfsskizze an, aus der ich die optimalen Maße entnehmen konnte.
Schon nach dem ersten Schnitt merkte ich, dass ich es mit einem wunderbaren Holz zu tun hatte, das allerdings zu trocken war und dem Werkzeug Widerstand leistete. Ich musste auf meine beste, Tormek-geschärfte und frisch abgezogene Schneide zurückgreifen. Ich hielt das Heft beinahe senkrecht und formte mit den ersten groben Schruppschnitten einen leicht abfallenden Rand, der dem Betrachter die Schnitzerei optimal präsentieren sollte, wenn die Schale auf einem Sockel stand.
Als der Rand die richtige Form hatte, konnte ich beginnen, die Unterseite zu drechseln und einen Übergang zum Rand zu fertigen. Das Holz ließ sich weiterhin gut schneiden, solange ich das Werkzeug rasiermesserscharf hielt und mit ziehenden Schnitten arbeitete (Bild 3). Ich formte einen Ring, aus dem ich später drei Füße schnitzte wollte, um der Schale optisch mehr Leichtigkeit zu verleihen. Mithilfe einer Profilschablone verlieh ich dem Ring eine gleichmäßige Form (Bild 4). Da der Rand sehr breit ist, musste ich ihn stark hinterschneiden, um das Gewicht der Schale zu reduzieren (Bild 5): Da das Holz in einem sehr spitzen Winkel (nur etwa 5°) auf die Röhre trifft, schneidet diese hier sehr sauber. An einigen Hirnholzstellen kam es dennoch zu Faserausbrüchen; nichts, was nicht durch sorgfältiges Schleifen behoben werden könnte.

 

Sie möchten weiterlesen? Im DrechslerMagazin Ausgabe 47 / Sommer 2019 finden Sie den vollständigen Artikel.